Galerie Martina Kaiser
Elise Ansel „Two Rivers“
Vernissage: Freitag, den 5. September um 19:00 Uhr
Die Einführung spricht Dr. Wenzel Jacob,
Gründungsintendant und langjähriger Leiter der Bundeskunsthalle, Bonn
Von New York nach Köln: Die Galerie Martina Kaiser freut sich, die US-Amerikanerin Elise Ansel als Neuentdeckung zum ersten Mal im Rahmen der DC Open 2025 mit ihrer ersten Einzelausstellung „Two Rivers“ in Deutschland zeigen zu dürfen.
Die international agierende Ansel versteht ihre Kunst als Alchemie, als Transformation: Sie übersetzt Werke alter Meister wie Bellini, Tizian und Vermeer in die zeitgenössische Bildsprache der gestischen Abstraktion, womit ihre Gemälde gleichzeitig Erfindung und Interpretation sind. Dabei wirkt sie dem narrativen und hegemonialen Inhalt der Bilder entgegen, die überwiegend von Männern geschaffen wurden, und ersetzt das Lineare und Allegorische durch das Intuitive, Spontane und Zufällige. „Es ist das Spiel zwischen Absicht und Ausführung, die zufälligen Unfälle, die während des Malprozesses passieren, das Scheitern einer korrekten Übersetzung, die Krümmung der Zeit, durch die neues Terrain gewonnen und gleichzeitig eine tiefere Verbindung zur Quelle der Inspiration durch die alten Meister hergestellt wird.“, sagt die New Yorkerin. Indem sie die Figuren und physischen Vorgänge auf der Leinwand aufbricht und sie in polychrome Felder verteilt, macht sie die Farbe zum verbindenden Element zwischen dem Original und der Neuinterpretation. „Ich verlagere den Fokus vom narrativen Inhalt auf die Pinselstriche selbst, und auf die spezifischen materiellen Eigenschaften der Medien, mit denen ich arbeite.“
Der Titel der Ausstellung „Two Rivers“ ist ein metaphorisches Leitmotiv, wo die Verflechtung und Koexistenz scheinbarer Gegensätze etwas Neues, Vereinendes und Nachhaltiges zu schaffen anstrebt. Dabei dekonstruiert Elise Ansel ihre Quellen: Sie erforscht, analysiert und zerlegt Vermeers „Briefleserin“ oder Bellinis „Madonna mit Kind“, auch bekannt als Cornbury Park Altarpiece, immer wieder, bis sie deren universelle Gültigkeit und tiefere Wahrheit erfasst und offenbart hat. Ihre iterativen Interpretationen, pointiert betitelt mit „Frau in Rot“ oder „Lesende Frau“, beleuchten somit auch aktuelle Themen, Konflikte und Ungleichgewichte und eröffnen zugleich die Möglichkeit der Zusammenarbeit und des konstruktiven Austauschs. Wie die beiden oben erwähnten Flüsse, die zusammenfließen, um fortan als eins zu existieren.
Die Arbeiten der US-Amerikanerin haben zudem eine spirituelle Komponente. Hinter den frommen Darstellungen von Tizian und Bellini, deren Madonna statt des sonst obligatorischen blauen Gewandes ein rotes trägt, verbergen sich oft geheime Metaphern, Codes und Botschaften. Diese sprechen spirituelle und weltlich-existenzielle Themen an, die im 15. und 16. Jahrhundert unerwünscht, ja sogar verboten waren – und die uns auch heute noch beschäftigen. Elise Ansel offenbart den spirituellen Gehalt der alten Meister durch Variationen des Bildmotivs; sie macht das Verborgene sichtbar, indem sie sich auf die reine Farbe konzentriert und überträgt damit die ungebrochene Gültigkeit spiritueller Fragen in die Gegenwart.
Die Dualität von religiösem Inhalt und spiritueller Verschwörung, Keuschheit und angedeuteter Erotik, Kirchlichem und Weltlichem in den Werken von Bellini und Tizian findet ihre Entsprechung ebenfalls in Elise Ansel’s Metapher der beiden mäandernden Flüsse. Dies setzt sich dann im Kontrast zwischen Vermeer und Tizian fort, den herausragenden Vertretern der nördlichen und südlichen Malerei. Vermeer’s zurückhaltende und weltliche Gemälde stehen im Gegensatz zu den farbenfrohen, dramatischen und religiös-geprägten Tableaus der Italiener. Es ist ein dialektischer Kampf zwischen massiver Farbe und Geometrie, dessen Spannung Elise Ansel in einer stark komprimierten Form darstellt.
Die Künstlerin verweist auf Frank Auerbach und Gerhard Richter als Ausgangspunkte. „Die Begegnung mit Frank Auerbach’s Interpretation von Tizian’s Bacchus und Ariadne in Verbindung mit Gerhard Richters fünfteiliger Gemäldeserie Verkündigung nach Tizian, hat mir bewusst gemacht, dass Übersetzungen von Werken alter Meister Gegenstand ernsthafter zeitgenössischer Malerei sein können. “
Für sie dienen die alten Meister als Blaupausen für eine emanzipierte, feministische Bildsprache. In ihrer unerschöpflichen Vielfalt strahlen ihre Werke eine poetische Unendlichkeit aus. (Yorca Schmidt-Junker)
Elise Ansel lebt und arbeitet zwischen New York City und Maine. Sie studierte Kunst an der Brown University und der Rhode Island School of Design und erwarb 1984 zudem einen Bachelor-Abschluss in Vergleichender Literaturwissenschaft an der Brown University. Seit Anfang der 1990er Jahre ist sie als freischaffende Künstlerin tätig und blickt auf Ausstellungen in den USA, Großbritannien und Italien zurück. Ihre Werke sind unter anderem im Museum für Zeitgenössische Kunst in Krakau, Polen, im Farnsworth Art Museum in Maine, USA, im Bowdoin College Museum of Art in Maine, USA, im NYU Langone, USA, und im Evansville Museum of Arts and Sciences in Indiana, USA, vertreten. Two Rivers ist ihr Debüt in Deutschland.